Manuel Schleich
Birkenstraße 8
87471 Durach
Manuel braucht Zeit!

So muss ich die Vorstellung seiner Person beginnen, denn es ist wirklich so:
Er braucht Zeit, viel Zeit, damit alles gut wird. Daß er damit gut fährt, davon zeugen seine augenzwinkernden Beiträge, und diejenigen, die ihn kennen, wissen wovon ich spreche.
Phantastische Ideen entspringen seinem Kopf, Ideen, die uns auf witzige Art und Weise die Komplexität der Dinge nahe bringen.

Ein toller, wichtiger Mensch. Respekt. Guter Freund bei vielen Gelegenheiten.
Wer sich Mühe gibt und Stil hat, der ist interessant! In allen Dingen.
So könnte man das vielleicht sagen.
Vorbild dafür wie wenig wichtig eigentlich die Etikette und die Verpackung ist, wenn der Geist sprudelt. Witze bringen uns zum Lachen. Wir selbst bringen uns durch die Borniertheiten des Alltags zum Lachen. Wie wenig wichtig wir uns selbst doch nehmen sollten.

Ob er nun die Bierstube des Augsburger BLLV-Wohnheims führt, Wohnheimssprecher ist, seine Verkleidungskünste unter Beweis stellt, spontane Kunstwerke aus Alltagsgegenständen erschafft, irrsinnige Essays über die Dramen an Supermarktkassen schreibt, begabter Geschichtenerzähler und Film-Connaisseur ist oder einfach nur witzig ist; vieles zeichnet ihn aus.
Eine wahre Bereicherung und Inspiration. Und darum geht es doch bei lebedienacht.de oder täusche ich mich da?


Am 5. April 2002 hat sich Manuel Schleich das Leben genommen.

Auf dem Regal stand ein Fernseher aus vergangenen Tagen. Durch die abgeklebten Fensterscheiben drückte schon das Licht des noch jungen Tages und erfüllte den Raum mit der unwirklichen Realität eines gesamtdeutschen Sonntagmorgens. Ein kahler Raum, der Teppichboden fehlte, ein verlassenes DJ-Pult, eine ungesehene Diaprojektion an der Wand, leere Bierflaschen ordinär als Aschenbecher verwendet, überall. Ein Sofa stand da noch. Inmitten aller Ungemütlichkeit – nur ein Sofa, das einen langen Weg hinter sich hatte. Die Party war zu Ende, eine große Party, keine alltägliche, für alle etwas Besonderes.

Diese Party weckt in mir Erinnerungen an Manuel. Zu letzten Erinnerungen gemacht. Sie sind allemal besonders schöne. Und gerade nicht, weil es letzte wurden, sondern weil sie Erinnerungen waren an eine unvergessliche Nacht. Lebe die Nacht.

Es war unsere verspätete Einweihungsparty am Pfannenstiel in Augsburg, panstick7, WG Resatsch, Schrank, Demsas. Es war eine dieser Parties, die man speziell findet, weil viele von denen da sind, die man in feierlichen Momenten gerne um sich hat, Freunde, liebe Bekannte, interessante Unbekannte. Alles läuft gut, kein Stress, Alkohol in rauen Mengen, gute Unterhaltungen hier und da, flüchtig und wichtig. Und Manuel war auch da.

Ich kann mich daran erinnern, dass wir in oben beschriebener Situation gemeinsam auf diesem alten Sofa saßen, neben uns ein weggetretener Bekannter und in den Fernseher starrten. Ich hatte eine Videoaufnahme des Wattstax Festivals von 1972 eingelegt, ein großes Festival schwarzer Kultur, schwarzen Stolzes und friedlichen Zusammenseins. Durch irgendeinen glücklichen Zufall kam ich an diese seltene Aufnahme und ich wollte sie sehen - nach der Party. Wollte phantastische Bands, Sänger und Sängerinnen sehen: Carla Thomas, Isaac Hayes, The Bar-Kays, Albert King, Rufus Thomas, The Staple Singers undundund. Ein beeindruckendes Statement in Sachen Soul, Jazz, Rhythm&Blues. Das Aufbegehren gegen Vorurteile und Unterdrückung mit friedlichen Mitteln.
Manuel gesellte sich zu mir, nicht nur, weil auch er zu dieser frühen Stunde matt und angeschlagen war, sondern, weil auch er es von ganzem Herzen liebte, sich in Sentimentalität, Idealismus und andere Welten hineinzudenken. Ein Flucht in eine bessere Welt kurz vor allgemeiner Sonntagsausflugsumtriebigkeit.
Irgendwann kam diese eine Aufnahme, wo The Emotions, drei Sängerinnen, in einer schwarzen Kirche singen: „Peace be still“. Eine Lead-Stimme, die die beeindruckendste Soulperformance gibt, die ich mir bis zum heutigen Tage vorstellen kann, eine Stimme, die allen Schmerz herauslässt, der auf der Seele lastet, eine Stimme, die ich bis heute nicht hören und sehen kann, ohne dass mir die Tränen die Wangen hinunterlaufen. Ich habe nicht zu Manuel hinüber gesehen, aber ich weiß, dass er in diesem Moment ebenso tief berührt war wie ich, dass wir beide einen außergewöhnlichen Moment teilten, der mehr war als dieses übliche „He, hör dir das mal an.“, einen Moment, wo er wie ich fühlte, dass es auf dieser Welt, so banal es sich auch anhören muss, weil wir uns aus praktischen Gründen haben abstumpfen lassen, mehr um den Anderen gehen sollte. Dem Gegenüber. Im Miteinander. Respekt. Diese leidenschaftliche Musik war es, die uns gemeinsam in den Bann zog.

Und für Manuel? Er hatte zu diesem Zeitpunkt schon beschlossen aus dem Leben zu scheiden. Die Gründe mögen vielfältig in den Koordinaten aus Sehnsucht, Scheitern, Idealismus und Depression zu suchen sein und erschließen sich mir und uns auch nicht, weil wir nicht wie er waren und sind, weil wir nicht von oben herab psychologisieren, moralisieren und urteilen können, uns bleibt der Respekt und die Wut. Aber ich denke, dass Manuel eines an diesem Abend nicht hat sehen können und das trotz seiner zutiefst christlichen Moral: dass es nämlich Hoffnung gibt. Das allemal in einer Welt, die wir passend medial serviert bekommen, ahnend, dass alles noch viel Schlimmer ist als gezeigt. Eine Welt, die uns schon vor der eigenen Haustür mit Missgunst und Vorurteil auflauert. Diese drei Mädchen konnten nur so singen, weil sie aus Schmerz Hoffnung schöpften. Im Glauben. Und das war der Weg, den sie fanden.

Mit dieser Bewertung aber bewege ich mich weg vom Moment. Dieser war, unwirklich genug in all diesem Partychaos, wunderschön. Zwei Typen, die auf einer einsamen Insel den Sonnenaufgang anstarren, allein seiner Schönheit wegen. Sehnsüchtig. Das ist eine der letzten Erinnerungen, die ich an Manuel habe, auch wenn ich ihn noch ein zwei Mal sehen durfte, aber es war sicherlich der letzte intime Moment, der das Bild, das ich von ihm habe im Nachhinein, für immer in etwas Positives verwandelt hat. So seltsam sich das auch anhören mag.

Nicht nur dieser Moment aber zeigte, dass Manuel besonders sensibel war. Es war wohl auch der kreative Umgang, den er mit den Dingen seiner Umwelt pflegte. Was hat der Mann für einen Unsinn angestellt. Barhocker, Handtücher, Folien, Aschenbecher in langer Detailarbeit in ein seltsames Ungetüm zusammen-gerümpelt. Anderswo würde man das wohl Aktionskunst nennen. Lest seine Texte, die er mir vor langer Zeit, als auch ich noch im Augsburger Studentenwohnheim gewohnt habe, überarbeitet gab, um sie als eine der ersten Beiträge in die noch junge Seite zu integrieren. Texte, die nicht besser passen könnte. Texte von kleinen Dingen des Lebens, die man erst ein mal sehen und erkennen muss. Manuel tat das und verpackte Alltagsdramen an Supermarktkassen, Erlebnisse im Wohnheim und Abwandlungen über Buffalo Boots in geistreicher und urkomischer Sprache. Das konnte nur er so. Ein Satiriker. Ein Beobachter. Und beobachten konnte er deshalb glaubhaft, weil er feinsinnig war, nie vorlaut, ruhig und überlegt handelte. Das zeichnete ihn aus gegenüber allen selbstbewussten Großmäulern. Sprüche waren seine Sache nie. Und wenn, dann eben überlegt verpackt in den Texten, die auf dieser Seite zu finden sind. Lebedienacht.de verdankt Manuel sicher auch Wegweise in die richtige Richtung. Deshalb sind seine Texte immer noch wichtig und werden auch nicht vergessen. Auch nicht die nachdenklichen Untertöne, die bei allem Humor immer wieder durchdringen. Lest den „Hampelmann“. Ich denke auch an sein Trost-spenden durch den Beitrag „Quan vey la lauzeta“ (Wenn ich die Lerche sehe), im Original aus dem 12. Jahrhundert von Bernart de Ventadorn von Manuel aus dem Englischen übersetzt.

Manuel war ein Filmliebhaber. Kennt ihr die Pointe am Ende von „Blade Runner“? Er war es auch, der auf Filme aufmerksam machte, die nicht jeder kannte, allemal sehenswerte Filme. Akira Kurosawa hätte ich als Fernost-Kitsch abgetan. Es bedarf eines sensiblen Menschen, nicht gleich die Nase bei Fremdem zu rümpfen! Dazu kam leidenschaftliches Interesse für Musik, Literatur, Science Fiction und Comics. Alles, was neugierig macht.

Manuel war es, der die Menschen im Wohnheim an die Hand nahm. Die Unbeliebten wurden von ihm mit Respekt behandelt, die Fremden und die Neuen wurden eingewiesen und an der Hand genommen. Manuel war ein Schlichter. Ergriff im Streit nie Partei. War selten wütend.

Mein Gott, mag jetzt der ein oder andere denken: „Nur Gutes!“. Natürlich gab es Fehler wie bei allen, aber das, was wichtig war, das war ausgeprägt, und ist das nicht letztlich das, was im Leben zählt, denn unvollkommen sind wir ja alle. Zumindest dem Guten mehr Raum geben, ein Übergewicht. Manuel hat viel Gutes getan - man kann es kaum aufzählen. Besonders sein soziales Engagement war bemerkenswert. Im Stillen wirken, ohne Worte darüber zu verlieren. Von Vorbild möchte ich nicht sprechen, denn das wäre dem alten Haudegen gar nicht recht, aber lasst es mich mal so sagen...es menschelte auf angenehme Weise im Herzen von Manuel. Letztlich eine Absage an Trend, Oberfläche und Zeitgeist.
Ich kannte ihn als bodenständigen Spinner, den nicht alle verstehen wollten, weil er die Schippe mehr an Menschlichkeit auf die Waagschale warf, die andere scheinbar in den Verdacht stellte, ein Softie zu sein.

Was für ein grandioses Miss-Verständnis.

Von allem.